SHG "Deine (Groß-)Eltern bei der Stasi?"

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In einer Gruppenstunde, sprachen wir darüber, dass es gut wäre, wenn jede/jeder einen maximal 2-seitigen Text, zum Thema schreibt. So sind die hier folgenden Texte entstanden.

Manuela:

2011 hatte ich einen Zusammenbruch, den ich zunächst in meinem übertriebenen Arbeitseifer und dem nicht akzeptieren Könnens meinen ständig steigenden Arbeitsunfähigkeiten zuordnete. Ich begab mich schon über mehrere Jahre bis zu meinem Totalausfall 2011 auf eine Odyssee, um Hilfe gegen meine körperlichen Beschwerden zu bekommen. Ich durchlitt depressive Phasen bis hin zu totalen Erschöpfungszuständen und einem Zwangsverhalten, dass sich bei mir in einem übertriebenen und so weiß ich heute anerzogenen Arbeitseifer zeigte. Da meine chronischen Schmerzzustände nicht mehr therapierbar waren und sich nun auch extreme Müdigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, Wortfindungsstörungen und eine zunehmende Vergesslichkeit hinzukamen, sollte ich in eine Psychotherapie. Wozu? Ich wusste es nicht, denn ich hatte Schmerzen. Sollten die jetzt weggeredet werden?

Ich suchte mir einen Psychotherapeuten und begann auf sein Anraten eine tiefenpsychologische Behandlung, die über mehrere Jahre ging. Heute weiß ich, dass all meine Schmerzen und vielen Erkrankungen, die ich auch schon in meiner Kindheit hatte, mit meinem Aufwachsen in Kindheit und Jugend zu tun hatten. Ich begann langsam mein Leben zu reflektieren und kam zu der Erkenntnis, dass all die körperlichen Befindlichkeiten von meinem überangepassten Leben, also immer so sein zu müssen, wie mein Elternhaus es von mir erwartete, zu tun hatte.

Nun wusste ich zwar, dass ich eine Kindheit hatte, die eben nicht normal war, weil ich lernen musste, dass man in diesem System immer den festgelegten Normen zu entsprechen hatte.  Wenn man dann noch das Kind von befehlstreuen Staatsbediensteten oder Parteifunktionären war, war ein Ausbrechen aus diesen sehr strengen Regelwerken, die innerhalb dieser Familien galten, unmöglich.

Tat ich es doch oder wagte ich nur zu widersprechen oder unbequeme Fragen zu stellen, müsste ich mit harten Bestrafungen bis hin zum Rauswurf aus dem Familienverband rechnen. Allzu oft bekam mein Halbbruder zu hören: „Wenn das nicht bald aufhört, dass du immer wieder Ärger in der Schule machst oder sich die Hausbewohner über uns beschweren, dann kommst du in ein Heim.“ Dies ließ mich sehr schnell funktionieren und gehorsam werden und ich studierte die Körpersprache meiner Eltern, um mich ihren Wünschen entsprechend zu verhalten. Denn ich wollte nie wieder in einem Heim untergebracht werden.

Was jedoch sollte ich jetzt mit all dem Wissen, warum ich war wie ich war, anfangen? Meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern und die Schuldgefühle und Ängste kann mir doch heute niemand mehr nehmen. Dies dachte ich und hatte über all diese und ähnliche Fragen nur einen einzigen Gesprächspartner, der mein Therapeut war. Ich sehnte mich nach einem Gedankenaustausch mit Betroffenen, mit denen ich über meine Gefühle reden kann.

Warum habe ich nie Liebe erfahren und konnte so auch keine Liebe geben wie andere dies konnten? Warum bekam ich eine Rolle übergestülpt, in der ich mich nicht wiederfand?

Fremdschämen, Unbehagen und Übelkeit begleiteten mich immer wieder, wenn ich mich mit den Machenschaften des MfS und der SED-Diktatur beschäftigte, im Wissen darum, dass meine Eltern direkt und indirekt für die Stasi tätig waren. Ich selbst wurde mit meiner Tätigkeit als Zivilbeschäftigte der Kriminalpolizei ebenfalls indirekt zum Handlanger der SED und weil ich auch noch aus Überzeugung der Partei blind vertraute und nie Fragen stellte, fühle ich heute noch eine tiefe Scham über meine Blindheit.

Ich entschloss mich, ab November 2013 nach Stasikindern zu suchen, weil ich glaube, dass ich mit ihnen die Gespräche führen kann, die mein früheres persönliches Umfeld nicht mit mir führen wollte. So gründete ich unsere Gruppe, weil es bis dahin noch keine derartige Selbsthilfegruppe bundesweit gab.

Es dauerte noch einige Zeit bis sich die ersten Interessierten meldeten und wir unser erstes Treffen im Mai 2015 durchführten. Wir waren bis dahin vier Mitglieder und hielten per Mail Kontakt. Es war ein tolles Gefühl, als wir uns das erste Mal gegenübersaßen.

Ich spürte nicht nur die eigene Anspannung, sondern genau auch die der anderen. Wir erzählten uns gegenseitig, was uns zur Gruppe geführt hat und stellten fest, dass wir alle trotz der sehr unterschiedlichen Wege zwischen Anpassung und Rebellion, ähnliche Gefühle und Empfindungen hatten. Jeder von uns musste im Familienverband ähnliche Regeln befolgen und viele lebten sehr ausgegrenzt in der Schule und im Wohngebiet.

Massiver Mangel an Liebe und Nähe der Eltern sowie ständiges Reglementieren und Leistungsdruck beherrschten meine Kindheit und so gruben sich - ohne es bewusst wahrzunehmen - tiefe Wunden in mein Herz, die bis heute wirken. Heute versuche ich all diese Kälte und den Mangel an Zuwendung nicht an meine Tochter weiterzugeben, damit sie es schafft diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Gerd:

Was mir diese Gruppe bringt, lässt sich gar nicht so leicht sagen. Fest steht, dass ich vor zwei Jahren nicht daran geglaubt hätte, dass ich mich heute in einer Selbsthilfegruppe für Stasikinder engagiere. Ich habe fast drei Jahre in politischer Haft in der DDR verbracht, bin im April 89 freigekauft worden und wollte danach nichts mehr mit der Zone oder dem Osten zu tun haben. Ursprünglich hatte ich gedacht, dass ich aus der Bundesrepublik ganz schnell nach Australien oder Kanada auswandern sollte. Alles was nach Westen klang konnte nur gut sein.

Jahrelang hatte ich alle Traumatisierungen verdrängt. 2006 trennte ich mich von meiner Exfrau, und dann kamen die Traumata wieder durch.

Zweimal für je 12 – 15 Wochen vollstationäre Traumatherapie stabilisierten mich wieder. An eine wirkliche Aufarbeitung war noch lange nicht zu denken.

Meine ehemalige Lebensgefährtin, die ich 2007 kennenlernte, hat mich aus heutiger Sicht benutzt, aber ohne sie wäre ich vielleicht heute nicht da, wo ich jetzt bin. Ich habe eine Partnerin an deren Seite ich gegen das Vergessen und Verklären der SED-Diktatur arbeiten kann.

Seit September 2014 bin ich einmal wöchentlich in der ambulanten Traumatherapie und sie begleitet mich auch dorthin. Jetzt kann ich mit der Traumakonfrontation beginnen, die oft sehr schwer ist.

Die Gruppe lässt mich hinter die Kulissen der Stasi blicken, lässt mich andere Sichtweisen betrachten. Hier habe ich wirklich das Gefühl, dass ehrlich und tatsächlich aufgearbeitet wird. Ich kann keinen Menschen dafür verantwortlich machen, was seine Familienangehörigen taten oder unterließen, aber wir können in konstruktiven Gesprächen alle Seiten der „Medaille“ betrachten. In der Zwischenzeit habe ich hier in der Gruppe sogar neue Freunde kennengelernt und ich bin froh, dass es diese Gruppe gibt.

Nach den Treffen stehen wir oft, wenn es das Wetter zulässt, noch draußen und reden weiter. Irgendwann trennen sich unsere Wege bis wir uns beim nächsten Treffen wiedersehen. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Treffen im September 2016.

Susanne:

Diese Gruppe ist eine totale Bereicherung für mich! Umso erstaunlicher, weil ich in frühster Kindheit darauf geprägt wurde, äußerst misstrauisch, argwöhnisch und ständig auf der Hut zu sein, mich könnte jemand aushorchen. Diese Prägung erfolgte in frühster Kindheit und ist bis heute präsent. Sie trägt dazu bei, isoliert und einsam durchs Leben zu gehen. Nur sehr wenige Menschen könnten das überhaupt nachvollziehen und verstehen können es nur diejenigen, die es selbst erlebt haben.

Hier traf ich solche Menschen. Sie waren mir vollkommen fremd, hatten alle unterschiedliche Erfahrungen und Biographien und waren mir doch sehr schnell vertraut. Uns vereint das gemeinsame Schicksal - ein sehr bewegendes und befreiendes Gefühl! Es ist immer heilsam Euch zu treffen. Ein großes Dankeschön dafür, dass es euch gibt, dass ihr mich so herzlich aufgenommen habt und mein Leben durch Euch so viel einfacher wurde!


im März 2017, nach unserem Gruppentreffen