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Stasi-Kinder - Die Folgen der DDR-Diktatur sind bis heute

spürbar

Keine Personengruppe überwachte das Ministerium für Staatssicherheit so gründlich wie die eigenen Mitarbeiter. Das DDR-Regime ist seit über 20 Jahren Geschichte, doch die Folgen seiner Eingriffe in die innersten familiären Beziehungen wirken bis heute nach

„Das Verhalten und die strafrechtliche Handlung meines Sohnes verurteile ich auf das Schärfste“, erklärt Siegfried Herbrich, Oberstleutnant der DDR-Staatssicherheit, im Mai 1981 seinen Vorgesetzten. „Die gleiche Haltung hierzu wird auch von meiner Ehefrau bezogen“, heißt es weiter in der Stellungnahme. Nach der „Strafverbüßung“ werde er „keine persönlichen oder schriftlichen Kontakte mehr“ zu ihm „unterhalten“ – eine „Festlegung“, die auch seine Ehefrau und seine „im Haushalt lebende Tochter“ betreffe.

Stefan Herbrich, über den der Vater hier hoch offiziell den Stab bricht, ist gerade „wegen öffentlicher Herabwürdigung der staatlichen Ordnung“ zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Seit fast acht Monaten sitzt er bereits in Untersuchungshaft. Sein Vergehen: Er hat für das Altersheim in Gera, in dem er als Pfleger arbeitet, zum „Republikgeburtstag“ eine Wandzeitung gestaltet, deren Inhalt der Stasi zu kritisch war. Das Anfertigen von Wandzeitungen gehört zu den „gesellschaftlichen Pflichten“ in jedem Betrieb. Das Material stellt die Kreisparteileitung, kritische Töne sind nicht vorgesehen. Aus Sicht des Staates begeht Stefan daher ein Verbrechen, als er den jubelnden Parteiparolen ein paar Fragezeichen hinzufügt. Kollegen melden den Vorfall, und als der 21-Jährige am nächsten Tag zum Dienst erscheint, erwarten ihn schon zwei Herren von der Staatssicherheit.

Für Siegfried Herbrich ist Stefans Verhaftung eine ernste Bedrohung seiner beruflichen Laufbahn. Schon am nächsten Tag fühlen ihm seine Vorgesetzten in einer „Aussprache“ auf den Zahn. Der Oberstleutnant beeilt sich, zu seinem Sohn auf Distanz zu gehen. „In einer Aussprache im Familienkreis“, stellt er in einem mehrseitigen Schreiben klar, „wurde die strafbare Handlung ... ausgewertet und übereinstimmend festgestellt, dass sich unser Sohn mit seinem Verhalten außerhalb der Gesellschaft und auch außerhalb der Familie gestellt hat. Durch die Verunglimpfung unseres sozialistischen Staates hat er sich selbst jede Grundlage genommen, künftig auch weiterhin als anerkanntes Familienmitglied zu gelten.“

Politische Meinungsverschiedenheiten gab es in jeder Familie – Ost wie West. Gehörte aber ein Elternteil oder sogar beide zu den hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), ging es um mehr als nur das Austauschen gegensätzlicher Argumente: Es ging um die berufliche Existenz. Denn mit ihrer eidesstattlichen Verpflichtung hatten sich die Hauptamtlichen einem umfangreichen Katalog von Regeln und Verhaltensnormen unterworfen, der bis weit in ihr Privatleben reichte und darum automatisch auch ihre Familien betraf: Es war nicht egal, in wen sich die Tochter verliebte, für welchen Fußballclub der Sohn schwärmte oder ob die Ehefrau Briefe an ihre Tante in München schrieb – jede Abweichung von der sozialistischen Norm fand ihren Weg in die Akten. Schon kleine Vergehen konnten zu unangenehmen Befragungen durch die Disziplinarabteilung führen, ein Sohn, der in den Westen wollte, eine Tochter, die sich in Kirchenkreisen bewegte, gar das Ende der Karriere bedeuten.

Der Logik der „inneren Sicherheit“ folgend, wächst das MfS in 40 Jahren DDR beständig. Vor allem die Überwachung der eigenen Bevölkerung ist ein personalintensives Geschäft: Alle zehn Jahre verdoppelt sich die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter. 1989 sind es über 91.000, rund 40.000 davon allein in Berlin. In der Mehrheit sind es Männer.

Jeder von ihnen wurde vor seiner Anwerbung umfassend durchleuchtet und steht auch danach unter ständiger Beobachtung hinsichtlich seiner Gesinnung, seines Umgangs und sogar seiner Freizeitgestaltung. Kontakte in den Westen sind ihm strengstens verboten, auch wenn es sich um die eigene Großmutter handelt. Persönliche Veränderungen jedweder Art hat er „umgehend“ dem Dienstherrn zu melden – die neue Lehrstelle der Tochter genauso wie das Scheitern seiner Ehe. Keine Personengruppe überwacht und analysiert das MfS so gründlich wie die eigenen Mitarbeiter.

Ob diese sich tatsächlich an die Regeln halten, darüber wachen nicht nur Kollegen und Vorgesetzte, sondern nach Feierabend auch die Nachbarn, denn die sind meist ebenfalls bei der Stasi: Das MfS siedelt seine Mitarbeiter nach Möglichkeit in zusammenhängenden Wohngebieten an und übernimmt dafür ganze Straßenzüge. Gegenseitige Kontrolle und Konformitätsdruck sind in diesen Blöcken besonders hoch. Eine klare Trennung zwischen Dienst und Privatleben gibt es für die Hauptamtlichen nicht – und ihre Kinder stecken auf Gedeih und Verderb mit drin.

„Du kannst dich in diesem Viertel nicht unbeobachtet bewegen. Alles, was du tust, wird mir früher oder später zu Ohren kommen“, bekommt Frank Dohrmann immer wieder von seinem Vater zu hören, einem Offizier der Hauptabteilung VI: Grenzkontrolle und Tourismus. „Er hätte das nicht ständig wiederholen müssen“, sagt der heute 43-Jährige. „Ich wusste ja längst aus Erfahrung, dass es so war.“

Frank wächst in der Frankfurter Allee in Berlin-Lichtenberg auf, die mächtigen Gebäude der MfS-Zentrale liegen gleich gegenüber. Später zieht die Familie nach Hohenschönhausen, das ebenfalls fast vollständig in Stasi-Hand ist. Seinen Eltern gehen Disziplin und Gehorsam über alles. Jede Mahlzeit, jede Tätigkeit ist auf die Minute festgelegt; Ausnahmen gelten als Belohnung. Franks Kleidung liegt Kante auf Kante im Schrank, sein Schreibtisch muss leer sein, die Schuhe gesäubert, das Bett in der Früh gleich als Erstes gemacht. Und überall lauern Fehlerquellen. „Dann musst du eben jeden Tag hier antreten, bis du es gelernt hast“, sagt der Vater oft.

Wie bei den Dohrmanns herrscht in vielen Familien eine Atmosphäre aus Schweigen und Distanz, ersetzen Befehle und Strafen den Austausch zwischen Eltern und Kindern. Zärtlichkeiten, persönliche Zuwendung – die meisten haben sie nie erlebt. Sie sollen vor allem Leistung bringen, auf Linie sein, den Erwartungen entsprechen. Und den Vätern keine Schande machen.

Was diese tun, wenn sie frühmorgens das Haus verlassen, wissen die Kinder nicht. „Angestellter im MdI“ lautet die Sprachregelung in fast allen Familien. Das Kürzel steht für „Ministerium des Innern“, und das, so schärft man ihnen ein, sollen sie auch antworten, wenn sie „draußen“ nach dem Beruf des Vaters gefragt werden. „Vor meinen Klassenkameraden war mir das immer furchtbar peinlich“, erzählt Stefan Herbrich. „Deren Väter waren Bäcker, Klempner oder Fabrikarbeiter. Darunter konnte man sich ja was vorstellen. Aber MdI? Wie sollte ich das erklären? Ich wusste es ja selbst nicht. Und wenn ich den Alten gefragt habe, gab’s, zack, eins auf den Hinterkopf.“

„Die Lügen und Verschleierungsmanöver gehören zur Dynamik der Staatssicherheit“, sagt Harald Freyberger, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Greifswald. Er behandelt seit Jahren Töchter und Söhne ehemaliger MfS-Mitarbeiter und hat in der therapeutischen Arbeit immer wieder gesehen, welch massiven Schaden das Klima aus Kontrolle und Misstrauen angerichtet hat, mit dem diese Männer und Frauen aufgewachsen sind. „Weil die Arbeit des Vaters mit einem Tabu belegt war, konnten sie sich kein zusammenhängendes Bild von der Wirklichkeit machen. Sie wussten ja letztlich nicht, wen sie vor sich hatten. Und sie konnten nie sicher sein, ob das, was man ihnen erzählte, stimmte oder nicht. Unter dieser grundlegenden Verunsicherung leiden viele bis heute.“

Anna Warnke, 39, brauchte Jahre, um sich einzugestehen, dass die Ursachen ihrer durch nichts zu dämpfenden Eifersucht in ihrer Kindheit zu suchen sind. Der Gedanke, dass es einen Zusammenhang zur Arbeit ihres Vaters geben könnte, war ihr nie gekommen. Schließlich war er für sie immer nur der Wissenschaftler gewesen, der als Professor an der Berliner Humboldt Universität lehrte. Tatsächlich aber diente Hermann Warnke zugleich dem MfS als „Offizier im besonderen Einsatz“, gehörte also zu jener Gruppe hauptamtlicher Mitarbeiter, die die Stasi – verdeckt – auf wichtigen gesellschaftlichen Positionen einsetzte. Sein zweites Dienstverhältnis durfte unter keinen Umständen bekannt werden.

Als Kind leidet Anna unter dem Schweigen, das ihr Zuhause umgibt. Sie spürt, dass man ihr etwas vorenthält. Dass es ein Geheimnis gibt, an das sie nicht rühren darf. Einen doppelten Boden, vielleicht sogar mehrere. Jahrzehnte später gelingt es ihr mit Hilfe eines Psychologen, sich dieses Gefühl wieder ins Bewusstsein zu rufen. Bilder und konkrete Erinnerungen an früher fehlen ihr aber noch immer fast völlig, so sehr sie sich auch darum bemüht: Das zweifache Tabu, das einst ihr Familienleben bestimmte, hat sie verschluckt.

Bis vor kurzem war es auch noch mächtig genug, Anna daran zu hindern, „eins und eins zusammenzuzählen“, wie sie es nennt. Erst in der Therapie fand sie den Mut, bei Google den Namen des Vaters einzugeben und dann zu lesen, was sie eigentlich schon wusste: dass er Offizier der Staatssicherheit war. Worin seine Arbeit bestand und ob er anderen damit bewusst geschadet hat, weiß sie bis heute nicht.

Vera Lengsfeld ist 17, als ihr durch Zufall der Dienstausweis ihres Vaters in die Hände fällt. Ein Schock, den sie mit niemandem zu teilen wagt, schon gar nicht mit den Eltern. „Meine Schwester und ich wurden so erzogen, dass wir keine Fragen stellen und mit dem zufrieden sein sollten, was man uns sagte“, erzählt die heute 60-Jährige.

Solange die Kinder klein sind, funktioniert das in den meisten Familien noch gut. Mit Beginn der Pubertät aber bekommt das System oft die ersten Risse: Die Jugendlichen fangen an, Fragen zu stellen, verlieben sich, hören Musik aus dem Westen, schwänzen die Mai-Demonstration oder weigern sich, am Wehrkundeunterricht teilzunehmen. Viele Väter reagieren darauf mit Verboten und Strafen, viele auch mit Gewalt. Denn wenn sich Sohn oder Tochter nicht staatskonform verhalten, zieht das auch ihre eigene politische Loyalität in Zweifel. Der Feind, das kann eben auch der eigene Sohn sein.

Es braucht nicht viel, um als Stasi-Offizier vor der Entscheidung zwischen Kind und Karriere zu stehen. Viele entscheiden sich gegen ihre Kinder, verraten sie in vorauseilendem Gehorsam oft sogar noch bevor sie dienstlich Schwierigkeiten bekommen. Zeugnisse dieser Art finden sich in den Akten zu Hunderten; welche Dramen innerhalb der Familien dahinter stehen, lässt sich nur erahnen: „Aus einem Gespräch meiner Ehefrau mit meiner Tochter Ulrike wurde Folgendes bekannt“, beginnt zum Beispiel ein Oberst sein Schreiben an die nächsthöhere Dienststelle, um dann ausführlich den „Personenkreis“ zu schildern, mit dem Ulrike Umgang hat, darunter auch „Musiker“, die ein „illegales Jazzfest“ veranstaltet hätten.

In einem anderen Dokument versichert ein Hauptmann, sein Sohn sei „jetzt endgültig gewillt, ... sein zum Teil labiles Verhalten in allen Fragen grundlegend zu ändern. Ihm wurde ... bewusst, dass er seinen Bekanntenkreis, oben genannt, abbauen und lösen wird.“ Und ein Generalmajor meldet diensteifrig die illegale Ausreise seiner Tochter Grit: „Wir beide – auch meine Frau – verurteilen diesen Schritt des Verrats an unserem Staat.“ Die „Konsequenzen“ dieser Angelegenheit müsse er seiner Frau jedoch „schonend klarmachen, da es für uns nur eine endgültige Trennung oder für mich eine Entlassung aus dem MfS geben kann“.

Als Vera Lengsfeld sich in den Sohn des jugoslawischen Handelsattachés verliebt, ahnt sie nicht, dass diese Beziehung eigentlich für sie verboten ist. Eines Abends wird das junge Paar von der Volkspolizei aufgegriffen: Vera hat ihren Ausweis vergessen und muss mit aufs Revier. Nachdem dort auch die Identität ihres Vaters festgestellt wurde, bestehen die Beamten darauf, sie nach Hause zu bringen.

Es ist schon spät, Franz Lengsfeld öffnet die Tür im Schlafanzug. „Genosse Major“, sagt einer der Polizisten, „Ihre Tochter wurde mit einem kapitalistischen Element aufgegriffen.“ Diesmal würde man noch ein Auge zudrücken, wenn so etwas aber noch einmal vorkäme, hätte das Konsequenzen für ihn. Den Ausdruck im Gesicht ihres Vaters werde sie nie vergessen, sagt Vera Lengsfeld über vierzig Jahre danach: „Es war nackte Angst.“ Major Lengsfeld sagt nichts und stellt keine Fragen. Als die Polizisten gegangen sind, dreht er sich zu Vera um und schlägt zu. Hart und mit dem Zorn des erlittenen Schreckens. Bis sie das Bewusstsein verliert.

Die Prügel verzeiht sie ihm schon damals, so eindrücklich ist ihr die Angst des sonst so selbstbewussten Mannes. Politisch aber vertieft sich der Graben zwischen Vater und Tochter immer weiter und wird schließlich unüberwindlich, als Vera in die Friedensbewegung geht und eine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen der DDR wird.

Einige Jahre später aber kommen Franz Lengsfeld selber Zweifel am System – nicht zuletzt durch die Art, wie der Staat, an den er sein Leben lang geglaubt hat, mit seiner „kriminellen“ Tochter umgeht. „Ich habe große Hochachtung davor, dass er noch deutlich vor dem Mauerfall den Mut hatte, sich zu distanzieren und über die eigene Verantwortung nachzudenken“, sagt Vera Lengsfeld. „Im Sommer 1989 haben wir uns versöhnt.“ Über die Schwierigkeiten, die er ihretwegen hatte, seine Strafpensionierung, den Rauswurf aus der Wohnung in Lichtenberg, verliert er kein Wort. Vera erfährt von alledem erst viel später – aus ihrer eigenen Stasi-Akte.

Eine Versöhnung wie diese ist selten. In vielen Familien setzt sich das Schweigen auch nach dem Mauerfall fort, und die inzwischen erwachsenen Kinder bleiben mit ihren Fragen allein. Dabei ist es meist gar nicht die Stasi-Tätigkeit selbst, mit der sie hadern. Viel schmerzlicher ist, dass die Eltern ihnen ein wirkliches Gespräch verweigern. Viele bis heute.

Die öffentliche Debatte über die Stasi macht es den Töchtern und Söhnen der ehemaligen Hauptamtlichen zusätzlich schwer, sich zu ihrer Familie zu bekennen – vor allem dann, wenn sie zu DDR-Zeiten nicht mit ihr oder dem System in Konflikt geraten sind und auch heute noch loyal zu Vater und Mutter stehen. Das Brandmal Stasi tragen eben auch jene, die sich gar nicht selbst für diese Arbeit entschieden haben. Sippenhaft. Auch 23 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Die Kinder von damals sind längst erwachsen, viele haben selber schon Kinder und Enkel. Das MfS ist seit über zwanzig Jahren Geschichte. Die Folgen seiner Eingriffe in die innersten familiären Beziehungen aber wirken bis heute nach.

 * Bis auf Vera Lengsfeld wurden alle Namen geändert.

 

Aus der Zeitschrift: "Trauma und Gewalt" 11. Jahrgang, Heft 3, August 2017:

 



Ruth Hoffmann, hat das Buch: „Stasikinder – Aufwachsen im Überwachungsstaat geschrieben, welches hier verlinkt ist.

Der „Berliner Zeitung“ hat sie am 19.12.16 mittags ein Interview gegeben, welches Sie gern komplett an dieser Stelle lesen können. Hier ein paar Auszüge:


Ruth Hoffmann

Foto: Odile Hain

Berlin -

Die Journalistin Ruth Hoffmann hat 2012 das ebenso informative wie spannende Buch „Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat“ veröffentlicht. Hier spricht sie über den Fall Andrej Holm und andere Kinder von Eltern hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter.

Frau Hoffmann, der neue Berliner Staatssekretär Andrej Holm steht wegen seiner Stasi-Tätigkeit schwer in der Kritik. Wie bewerten Sie den Fall?

Ruth Hoffmann: Zum einen geht es um parteipolitische Machtspielchen. Für die Linke wäre es natürlich ein Erfolg, ihren Kandidaten durchzubekommen – und ein Signal an gewisse Teile ihrer Wählerschaft, dass es nach 27 Jahren endlich gut sein müsse mit der leidigen Stasi-Debatte. Die Krise in der Koalition ist wiederum für die CDU ein gefundenes Fressen. Letztlich geht es aber aus meiner Sicht vor allem um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den ehemaligen Hauptamtlichen umgehen wollen. 1990 gab es eine politische Entscheidung gegen deren Einstellung in öffentliche Ämter. Damit wäre der Fall Holm eigentlich klar. Ich hoffe trotzdem, dass jetzt eine neue, differenziertere Debatte entsteht.

[…]

 

Holms Eltern waren Mitglieder der SED, der Vater, in Moskau geboren, war Stasi-Offizier. Ist das der typische Background für die Karriere, die dann auch der Sohn machen wollte?

Nicht notwendigerweise. Aber tatsächlich rekrutierte die Stasi ihr – überwiegend männliches – Personal bevorzugt in den eigenen Reihen. Viele Väter sahen es auch selbst gern, wenn der Nachwuchs ebenfalls „zur Firma“ kam, wie es damals intern hieß, denn das bewies, wie „klassenbewusst“ es bei ihnen zuhause zuging und wie gut sie ihre Sprösslinge im Griff hatten. Holm wird wie alle Stasi-Kinder von klein auf zum guten Parteisoldaten erzogen worden sein. Dass er mit gerade mal 14 Jahren die Bereitschaftserklärung für eine Laufbahn im MfS unterschrieben hat, passt ins Bild und war in Mitarbeiter-Familien eher die Regel als die Ausnahme.

[…]

Und wie sah das Leben dieser Stasi-Kinder konkret aus?

Fast alle erzählen von großer Strenge und häufigen Strafen, viele von körperlicher oder verbaler Gewalt. Das ist kein Zufall, denn die Stasi hatte das Privatleben ihrer Mitarbeiter genauestens im Blick: Wenn Sohn oder Tochter eines Hauptamtlers aus der sozialistischen Norm fielen, konnte das für ihn unangenehme Konsequenzen haben. Um seine Karriere nicht zu gefährden, musste er also dafür sorgen, dass die gesamte Familie auf Linie war. Für die Kinder bedeutete das ein Leben mit Angst und Misstrauen. Es herrschte gewaltiger Konformitätsdruck.

Und wie sind die Kinder mit diesen sehr speziellen Lebensumständen umgegangen?

Viele haben gut „funktioniert“ und sich an die Regeln gehalten – es stand ja schließlich die Familie auf dem Spiel. Spätestens in der Pubertätszeit kam es dann aber meist trotzdem zu Konflikten, weil die Kinder zum Beispiel anfingen, Musik aus dem Westen zu hören, Freunde trafen, die den Eltern politisch nicht genehm waren oder Klamotten trugen, die aus Sicht der Stasi auf „negativ-dekadentes Gedankengut“ hindeuteten. So wurden völlig harmlose Dinge brisant und für den Vater zur Gefahr. Manche Teenager haben heimlich weitergemacht oder es sogar zur offenen Konfrontation kommen lassen. Viele andere haben resigniert, bewusst oder unbewusst.

Was waren die interessantesten und die Sie am stärksten berührenden Fälle?

Besonders berührt hat mich zum Beispiel die Geschichte von Thomas Tröbner, der immer in den Westen wollte, einfach weil so viele seiner Kumpel schon „drüben“ waren. Schließlich hat er versucht zu fliehen, ist erwischt worden und im Knast gelandet. Der Vater hat sich daraufhin von ihm losgesagt, um seine Karriere zu retten, denn ein „Republikflüchtling“ als Sohn ist für einen Stasi-Mann der Super-GAU. Er blieb sogar noch lange nach Ende der DDR bei dieser Linie. So etwas hinterlässt natürlich massive Verletzungen. Bis heute. Oder die Geschichte von Anna Warnke, die erst 2009 mit Hilfe eines Therapeuten dahinterkam, dass ihr Vater ein hohes Tier bei der Stasi gewesen war, obwohl sie mit den Eltern in luxuriösen Ferienheimen Urlaub gemacht hatte, wo sogar auf dem Besteck „MfS“ stand. Sie hatte einfach alles verdrängt.

Nun liegt das alles über 27 Jahre zurück. Haben Sie eine Ahnung, wie es den Stasi-Kindern heute geht und wie sehr ihre Prägung nachwirkt?

Praktisch alle erzählen, wie schwer es ihnen fällt zu vertrauen – sich selbst und anderen. Viele suchen therapeutische Hilfe, noch viel mehr aber haben nicht den Mut dazu und zerbrechen. Im vergangenen Jahr hat sich Andreas Derball das Leben genommen, mit dessen Geschichte mein Buch beginnt. Ich weiß auch von Selbstmordversuchen anderer. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass alle Stasi-Kinder in irgendeiner Weise leiden – an ihren zum Teil traumatischen Erlebnissen; an der Scham über ihre Väter oder über sich selbst, weil sie sich nicht gewehrt haben. Sogar die, die bis heute loyal zu ihren Eltern stehen, müssen damit klarkommen, dass diese als Täter gelten. Das ist sehr schmerzhaft. Auch die Ungewissheit, inwieweit ihr Vater sich schuldig gemacht hat, treibt viele um.

Würden Sie sagen, dass die Stasi-Kinder genau so frei sind, ihr Leben zu bestimmen wie andere Heranwachsende? Oder sind sie Gefangene ihrer Biografie?

Egal, wie sie heute zu ihren Eltern stehen: Stasi-Kinder tragen ein schweres Erbe, und nur wenigen gelingt es, sich davon frei zu machen. In gewisser Weise sind auch sie Opfer des SED-Regimes, aber durch ihre Nähe zu den Tätern werden sie nicht also solche wahrgenommen, und sie selbst würden es sich nie zugestehen, sich so zu sehen. Immerhin gibt es in Berlin jetzt die erste Selbsthilfegruppe. Vielleicht kommt da etwas in Gang.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang Holm?

Auf mich wirkt auch er wie jemand, der mit sich und seiner Geschichte ringt. Er war offenbar ein folgsamer Sohn und bis zuletzt auf Linie seines Vaters. Wäre nicht zufällig im Herbst 1989 die DDR implodiert, wäre er vermutlich ebenfalls in der Bezirksverwaltung aufgestiegen.

Holm sagt nun, er habe zwar im September 1989 eine Ausbildung beim Wachregiment Feliks Dzierzynski begonnen mit dem Ziel einer späteren Tätigkeit im MfS. Ihm sei aber nicht bewusst gewesen, dass er damals bereits hauptamtlich bei der Stasi war. Finden Sie diese Erklärung überzeugend?

Überhaupt nicht. Es ist undenkbar, dass er nicht wusste, worauf er sich einließ. Er hat die Verpflichtungserklärung doch eigenhändig geschrieben. Es ist der Standardtext, den jeder neue Mitarbeiter diktiert bekam. Meiner Meinung nach zeigt gerade diese Aussage, dass Holm Teile seiner Biografie entweder verschweigt oder verdrängt.

Die Frankfurter Rundschau führte auch am 19.12.16 mit Ruth Hoffmann ein Interview welches Sie gern komplett hier lesen können.

Frau Hoffmann, der neue Berliner Staatssekretär Andrej Holm steht wegen seiner Stasi-Tätigkeit schwer in der Kritik. Wie bewerten Sie den Fall?

Zum einen geht es um parteipolitische Machtspielchen. Für die Linke wäre es natürlich ein Erfolg, ihren Kandidaten durchzubekommen – und ein Signal an gewisse Teile ihrer Wählerschaft, dass es nach 27 Jahren endlich gut sein müsse mit der leidigen Stasi-Debatte. Die Krise in der Koalition ist wiederum für die CDU ein gefundenes Fressen. Letztlich geht es aber aus meiner Sicht vor allem um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den ehemaligen Hauptamtlichen umgehen wollen. 1990 gab es eine politische Entscheidung gegen deren Einstellung in öffentliche Ämter. Damit wäre der Fall Holm eigentlich klar. Ich hoffe trotzdem, dass jetzt eine neue, differenziertere Debatte entsteht.

Holms Eltern waren Mitglieder der SED, der Vater, in Moskau geboren, war Stasi-Offizier. Ist das der typische Background für die Karriere, die dann auch der Sohn machen wollte?
Nicht notwendigerweise. Aber tatsächlich rekrutierte die Stasi ihr – überwiegend männliches – Personal bevorzugt in den eigenen Reihen. Viele Väter sahen es auch selbst gern, wenn der Nachwuchs ebenfalls „zur Firma“ kam, wie es damals intern hieß, denn das bewies, wie „klassenbewusst“ es bei ihnen zuhause zuging und wie gut sie ihre Sprösslinge im Griff hatten. Holm wird wie alle Stasi-Kinder von klein auf zum guten Parteisoldaten erzogen worden sein. Dass er mit gerade mal 14 Jahren die Bereitschaftserklärung für eine Laufbahn im MfS unterschrieben hat, passt ins Bild und war in Mitarbeiter-Familien eher die Regel als die Ausnahme.

Wie viele Stasi-Kinder gab es denn?
Genaue Zahlen gibt es nicht, aber wenn man bedenkt, dass das MfS sein Personal über 40 Jahre hinweg etwa alle zehn Jahre verdoppelte und am Ende der DDR über 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigte, bekommt man eine Ahnung von den Dimensionen.

Und wie sah das Leben dieser Stasi-Kinder konkret aus?
Fast alle erzählen von großer Strenge und häufigen Strafen, viele von körperlicher oder verbaler Gewalt. Das ist kein Zufall, denn die Stasi hatte das Privatleben ihrer Mitarbeiter genauestens im Blick: Wenn Sohn oder Tochter eines Hauptamtlers aus der sozialistischen Norm fielen, konnte das für ihn unangenehme Konsequenzen haben. Um seine Karriere nicht zu gefährden, musste er also dafür sorgen, dass die gesamte Familie auf Linie war. Für die Kinder bedeutete das ein Leben mit Angst und Misstrauen. Es herrschte gewaltiger Konformitätsdruck.

Und wie sind die Kinder mit diesen sehr speziellen Lebensumständen umgegangen?
Viele haben gut „funktioniert“ und sich an die Regeln gehalten – es stand ja schließlich die Familie auf dem Spiel. Spätestens in der Pubertätszeit kam es dann aber meist trotzdem zu Konflikten, weil die Kinder zum Beispiel anfingen, Musik aus dem Westen zu hören, Freunde trafen, die den Eltern politisch nicht genehm waren oder Klamotten trugen, die aus Sicht der Stasi auf „negativ-dekadentes Gedankengut“ hindeuteten. So wurden völlig harmlose Dinge brisant und für den Vater zur Gefahr. Manche Teenager haben heimlich weitergemacht oder es sogar zur offenen Konfrontation kommen lassen. Viele andere haben resigniert, bewusst oder unbewusst.


Trauma-Bewältigung Wir sind Kinder der Stasi

 

16.09.16 von Nicole Schulze im Berliner Kurier


Gerd Keil und Manuela Keilholz sind ein Paar. Beide hatten Eltern, denen die DDR wichtiger war als das Glück ihrer Kinder.

Foto:

Bernd Friedel

Berlin -

Gehorsam, Schläge, Zwang, Einsamkeit. Wenn Manuela Keilholz (56) sich an ihre Kindheit erinnert, ist da nichts Schönes. Ähnlich ergeht es ihrem Partner Gerd Keil (52). Beide wuchsen in der DDR auf, beide hatten linientreue Eltern, denen das Wohl des Staates wichtiger war als dass ihrer Kinder. Zusammen kämpft das Paar gegen das Beschönigen der sozialistischen Diktatur.

Zehntausende Mitarbeiter

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), kurz: Stasi, wurde 1950 gegründet, hatte anfangs 2700 Angestellte. Im Laufe der Jahre wurden Inoffizielle Mitarbeiter (IM) angeworben, zuletzt sollen es ca. 180 000 gewesen sein. Hinzu kamen etwa 90 000 hauptamtliche Mitarbeiter.

Das Leben der Kinder von Stasi-Mitarbeitern ist weitgehend unbekannt, nur selten sprechen Betroffene über ihr Schicksal – aus Scham. Dass sie Opfer sind, wird tabuisiert. Manuela Keilholz will das ändern, gründete eine Selbsthilfegruppe und rief eine Website www.stasi-kinder.de ins Leben. Einmal im Monat, an jedem dritten Donnerstag, treffen sich die Stasi-Kinder abends in Lichtenberg, um über das Erlebte zu sprechen, es gemeinsam zu verarbeiten – so wie gestern. „Viele fragen: Warum kann ich nicht lieben? Wieso zerbrechen meine Beziehungen?“, resümiert Manuela Keilholz. Sie selbst hat als Kind keine Liebe erfahren, bekam nie einen Gute-Nacht-Kuss, wurde nicht in den Arm genommen.

Beide Eltern waren SED-Mitglieder: Die Mutter arbeitete im Nachrichtenamt des Polizeipräsidiums – mit hoher Geheimhaltungsstufe. Der Vater war zunächst bei der Schutzpolizei, stieg aber auf zum Parteisekretär in einem Schilder-Betrieb. „Er war jahrelang GMS, also Gesellschaftlicher Mitarbeiter der Stasi, das weiß ich aus den Akten“, sagt die gebürtige Friedrichshainerin. GMS arbeiteten meist ohne Decknamen, traten offiziell als Funktionäre auf und sammelten Informationen für die Behörde. Ob auch die Mutter so tief verstrickt war, weiß Manuela Keilholz nicht: „Aber sie kam als Fernschreiberin ja an die sensibelsten Informationen, alles lief über ihren Tisch!“ Die Stasi-Akte konnte Manuela Keilholz erst beantragen, nachdem ihre Mutter vor einem Jahr starb. Nun wartet sie. Und sagt: „Seitdem meine Eltern tot sind, fühle ich mich frei.“

 


Als Kleinkind wurde Manuela Keilholz in ein Wochenheim gegeben.

Foto privat: Manuela Keilholz

Frei, um ihr Schicksal aufzuarbeiten. Denn reden wollten beide Eltern nie über das Gewesene, hingen bis zum Schluss an der DDR. „Damit sie Karriere machen konnten, wurde ich in ein Wochenheim gesteckt: Von montags bis sonnabends. Und nach der Einschulung hieß es sowohl vor, als auch nach dem Unterricht: Hort“, erzählt die 56-Jährige. „Ich war so einsam, habe es gehasst“. Zu Hause herrschte ein Befehlston, die Kinder mussten putzen, durften niemals Freunde mitbringen. Auch Prügel gab es.


 

 

Manuela Keilholz mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder. Zu lachen hatten die Kinder wenig.

Foto privat: Manuela Keilholz



Als Jugendliche war Manuela Keilholz ruhig und verschlossen – zu Hause hatte sie nie Liebe oder Nähe erfahren, leidet bis heute darunter.

Foto privat: Manuela Keilholz

Gerd Keil erinnert sich ebenso an viel Kaltherzigkeit. Einmal, als er noch ein Kind war, sagte seine Mutter ihm: „Ich könnte Dich in der Spree versenken.“ Bis heute hallt der Satz in seinem Ohr. Sein Vater arbeitete als Fernsteuerungsprüfer, war zuständig für die Stromschienen der S-Bahn, oft in West-Berlin unterwegs. Er war es mutmaßlich, der die Republikflucht des Sohnes verriet: „Mit 23 Jahren wollte ich an der Friedrichstraße auf einen Zug aufspringen, am Lehrter Bahnhof wieder runter. Doch im Treppenhaus, vor meiner Wohnung haben sie mich verhaftet“, so Gerd Keil. Es folgten: sieben Monate Hohenschönhausen mit 21 Tagen Einzelarrest in der Dunkelzelle, drei Jahre Haft in Cottbus, Spremberg, Karl-Marx-Stadt. 1989 kaufte die BRD ihn frei.

Die entsprechenden Stasi-Akten des Vaters wurden ihm nur unvollständig ausgehändigt, die seiner Mutter kann er nicht beantragen, weil sie noch lebt. Es gibt kaum Kontakt. „Ich habe nichts schwarz auf weiß, aber es war immer klar, was meinen Eltern wichtig war: Die DDR!“ Während der Haft wurden seine Habseligkeiten entsorgt. Gerd Keil hat nicht einmal ein Foto von sich als Kind.


 

Der britische Guardian hat in seiner Ausgabe vom 11.07.15 einen Bericht über Stasikinder in Deutschland veröffentlicht. Wenn Sie den kompletten Artikel lesen (in englischer Sprache) möchten, können Sie das hier gern tun.

 

  

"Scham verschließt die Münder"

Der Psychiater Har­ald Freyberger behandelt am Hanseklinikum in Stralsund auch Nachkommen ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Noch 25 Jahre nach dem Mauerfall kämpfen viele von ihnen mit Schuldgefühlen und schämen sich für ihre Eltern.

Herr Professor Freyberger, als Psychotherapeut betreuen Sie seit Jahren auch Kinder ehemaliger Stasimitarbeiter. Was reizt Sie daran?

Traumatisierungen waren schon länger ein Arbeitsschwerpunkt von mir. Als ich dann 1997 aus dem Westen hierher nach Ostdeutschland kam, traf ich auf ein interessantes Spannungsfeld zwischen Tätern und Opfern. In der DDR hat es rund 90 000 hauptamtliche Mitarbeiter der Staats­sicherheit gegeben. Als Psychiater oder Psychotherapeut begegnen Sie da einer großen Zahl von Betroffenen – vor allem Kindern der Opfer und ­Täter. Ihre besondere Situation hat mich einfach sehr interessiert, und ich fing an, solche Patien­ten gezielt zu behandeln.

Was sind typische Probleme der Kinder von Exstasimitarbeitern?

Die hauptamtlichen Stasileute wohnten zum größten Teil in eigenen Wohneinheiten. Mietshäuser, in denen ausschließlich Familien lebten, die für die Staatssicherheit tätig waren. Dazu kamen meist spezielle Schulen und Kindergärten. Viele der Kinder wuchsen somit in einer Art ­Getto auf – mit Nachbarn, die ebenfalls in Stasidiensten waren. Die Familien waren nach außen relativ abgeschottet. Aber die Kinder wussten ­natürlich um den Beruf ihrer Eltern und durften mit niemandem darüber sprechen. Das Makaberste daran: Die Stasi hat auch ihre eigenen ­Mitarbeiter überwacht, und zwar genauso systematisch wie den Rest der Bevölkerung. Selbstverständlich wurden die Kinder von Stasimitarbeitern ebenfalls ausgefragt. Das alles schuf eine ­Atmosphäre der Paranoia.

Wie ist es, in so einer Welt groß zu werden?

In der Adoleszenz, der Zeit der Rebellion, geraten viele mit den Seiten ihrer Eltern in Konflikt, die sie nicht mögen. Aber versuchen Sie das mal in einer Umwelt, in der Ihre Möglichkeiten durch äußere und innere Mauern derart begrenzt sind! Für die Entwicklung der Kinder warf das große Probleme auf. Es gibt Berichte, wonach Kinder von Stasimitarbeitern in Kinderheime und Jugendwerkhöfe kamen, weil sie in ihrer jugendlichen Rebellion den strikten Regeln ihrer Elternhäuser nicht mehr gehorchten.

Und was sind die langfristigen Folgen?

Einige Betroffene haben die Stasibiografie ihrer Eltern hervorragend bewältigt und eine ganz ­eigene Identität ausgebildet. Aber ich habe auch Menschen getroffen, die bis heute leiden. Bei der Stasi gab es einige sadistisch veranlagte Leute, die ihre Kinder stark reglementiert und drangsaliert haben.

Die Überwachungsmethoden wurden auch in der eigenen Familie eingesetzt?

Die Stasi war eine extrem zwanghafte Organisation. Es ist erschütternd zu sehen, wie detailliert die Akten sind – jede Kleinigkeit wurde festge­halten. Ein beachtlicher Teil der Mitarbeiter hat das auf die eigene Familie übertragen: Die Kinder wurden systematisch ausgespäht und für ­unvorsichtige Äußerungen im Freundeskreis bestraft. Je stärker diese Atmosphäre durchschlug, je mehr also überwacht und gegängelt wurde, umso stärker wirkte sich das auch auf die Kinder aus.

"Viele Stasieltern stehen nicht zu ihrer Täterschaft. Für die Kinder ist das äußerst schmerzhaft"

Ist unter solchen Umständen eine normale Entwicklung überhaupt möglich?

Die Forschung hat gezeigt: Selbst bei langfris­­tiger Traumatisierung bilden nur 50 bis 60 Prozent der Opfer überhaupt Merkmale einer Posttraumatischen Belastungsstörung aus. Mit anderen ­Worten, viele Menschen besitzen enorme Ressourcen, um mit so etwas fertigzuwerden. Und natürlich ist auch eine späte Identitätsentwicklung möglich, bei der man vieles nachholen kann. Die Stasikinder, die das Ende der DDR noch vor oder in der Adoleszenz erlebt haben, konnten sich auf eine ganz andere Weise mit ­ihren Eltern auseinandersetzen als solche, die in den 1950er oder 1960er Jahren geboren ­wurden.

Die Journalistin Ruth Hoffmann hat ein Buch über die "Stasi-Kinder" geschrieben. Sie schildert darin, dass sich viele Betroffene später der Oppositionsbewegung in der DDR angeschlossen haben.

Das sind die Leute, die offensiv mit ihrem Schicksal umgehen. Aber es gibt auch eine andere Seite. Ich habe viele Patienten kennen gelernt, die selbst "staatsnahe" Karrieren gemacht haben. Wie etwa einer, der den Spuren seiner Eltern folgte und eine Laufbahn bei der Nationalen Volksarmee einschlug. Die Wende – damals war er schon über 30 – war für ihn ein Schock. Es gibt also ganz unterschiedliche Verläufe: Rebellion und Abgrenzung auf der einen, Anpassung auf der anderen Seite. Hinzu kommt die ­Biografie der Identifikation mit den Eltern, wo dann aus den Kindern selbst oft Stasimitarbeiter wurden.

Wie zeigt sich diese "Biografie der Identifika­tion"?

Seit sechs, sieben Jahren beobachte ich ein Erstarken der Täter. In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise machen wir die Erfahrung, dass auf Gedenkveranstaltungen von ehemaligen ­Gefängnisinsassen und politischen Häftlingen Exstasileute auftauchen und stolz von ­ihrer Vergangenheit berichten. Dort erscheinen mitunter auch die Kinder, die sich mit ihren ­Eltern identifizieren. Ich glaube, es handelt sich nur um wenige Prozent der Betroffenen, aber das Phänomen gibt es durchaus.

Ist diese Identifikation ein Problem für die Therapie?

So jemand würde gar nicht erst in die Therapie kommen. Dazu entschließt man sich nur dann, wenn ein gewisser Leidensdruck besteht. Etwa, wenn die Stasimitarbeit der Eltern als unerträglich empfunden wird, als eine Schuld, die innere Spannungszustände auslöst.

Die Mauer fiel vor 25 Jahren. Sind Schicksale im Umfeld des Stasiapparats nach wie vor Thema in der Therapie?

Sicher! Es gab zwischen 1990 und 1997 erst einmal eine Welle von Menschen, die sich intensiv mit ihrer eigenen Biografie beschäftigten. Viele haben das aber auch unter den Teppich gekehrt – oder waren in den Umbruch selbst so involviert, dass sie gar keine Zeit hatten, um darüber nachzudenken. Und viele werden noch einmal mit dem Problem konfrontiert, wenn die Eltern alt werden oder sterben. Es ist ausgesprochen interessant, dass in Deutschland eine Auseinandersetzung mit historischen Prozessen oft erst dann erfolgt, wenn die verantwortliche Generation stirbt oder an gesellschaftlicher Macht verliert. Denken Sie an die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die ja erst Jahrzehnte nach Kriegsende in Fahrt kam.

Warum beginnt die Aufarbeitung so spät?

Auch die Stasikinder werden oft erst dann besonders mit ihrem Schicksal konfrontiert, wenn sie eigene Kinder haben. Sie erleben eine Reinszenierung der eigenen Kindheit, und daraus folgt notwendigerweise eine Reflexion der eigenen Geschichte.

Sind bei Stasikindern bestimmte Störungen besonders häufig?

Was wir als psychische Erkrankungen definieren, ist wenig spezifisch, und die Verarbeitungs­muster sind sehr unterschiedlich. Ich glaube nicht, dass es da Häufungen von bestimmten Erkrankungen gibt. Oft erlebt man aber Menschen, die in ihrem Urvertrauen schwer gestört sind und eine misstrauische Grundhaltung haben. Das sind Menschen, die in der Therapie lange brauchen, bis sie sich öffnen.

Wie gehen Sie vor, um die Betroffenen bei der ­Aufarbeitung ihrer Vergangenheit zu unterstützen?

Zunächst versuche ich, möglichst tatsachen­getreu die Wirklichkeit zu rekonstruieren. Also: Der Patient schafft zunächst alles an Material herbei, was die Stasi über ihn gesammelt hat. Dann heißt es Dokumente durcharbeiten, gemeinsam mit dem Patienten. Die Stasiunterlagen sind häufig aussagekräftig, obwohl natürlich vieles mit einem dicken Fragezeichen versehen werden muss.

Die Akten zeigen aber nur einen Blickwinkel auf die Geschehnisse. Was kommt dann?

Der zweite Schritt ist die Beschäftigung mit den Figuren, die auf dieser Bühne eine Rolle spielten. Häufig schicke ich die Betroffenen los und bitte sie, Angehörige zu interviewen: Onkel, Tanten, Geschwister, die Eltern, wenn sie noch leben. Hier beginnt meist eine bittere Auseinander­setzung mit der Wirklichkeit, weil das, was die Verwandten erzählen, oft im Gegensatz zu dem steht, was man in den Akten findet. Viele Kinder machen die Erfahrung, dass die Eltern nicht zu ihrer Täterschaft stehen. Das kann äußerst schmerzhaft sein.

Wie geht es nach den Gesprächen mit den Angehörigen weiter?

Der dritte Schritt ist, was man in der Verhaltenstherapie als "Narrative Expositionstherapie" kennt. Die Betroffenen schreiben ihre Geschichte auf und beleuchten diese aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven. Ich versuche mit ihnen zu erarbeiten, inwiefern sie sich bei ihren eigenen Kindern anders verhalten – oder, wenn sie keine Kinder haben, was sie anders machen würden. Am Ende gehört immer eine Neuorientierung dazu. Die Betroffenen denken darüber nach, wie sie die Erfahrungen aus der Vergangenheit konstruktiv nutzen können.

Viele werden bei ihren Recherchen sicher auf Ungereimtheiten und Widersprüche stoßen. Wie ist da eine kohärente Erzählung überhaupt möglich?

Es wird kein schlüssiger Roman mit 13 Kapiteln. Vieles bleibt widersprüchlich. Aber das ist ein Teil der Realität, in der die Kinder aufgewachsen sind. Sie müssen verstehen, dass hier verschiedene Wirklichkeiten miteinander kollidieren können. Wenn sie das akzeptiert haben, ist schon eine Menge erreicht.

"Stasikinder fragen sich häufig: Was habe ich selbst davon in mir?"

Wie schätzen Sie den Erfolg dieses Behandlungskonzepts ein?

Das kommt auf den Grad der Beeinträchtigung an. Ich kenne Patienten, die von ihren Eltern emotional vernachlässigt, geschlagen und regelrecht gequält wurden. Hier ist die Arbeit oft schwer und kann schon einige Jahre in Anspruch nehmen. Dann gibt es den anderen Typus des gut ausgebildeten Intellektuellen, der eher von seiner eigenen biografischen Neugier getrieben wird. Mit solchen Menschen zu arbeiten, ist einfacher, weil die Schädigung nicht so groß ist. Die längste Therapie, die ich gemacht habe, dauerte sieben Jahre. Sie war schwierig, mit vielen Krisen – aber am Schluss ziemlich erfolgreich.

Erschwert es den Behandlungsprozess, wenn die Eltern ihre Schuld leugnen?

Ja. Aber das viel größere Problem sind die Scham- und Schuldgefühle der Kinder. Es ist schwer zu ertragen, dass die eigenen Eltern Nachbarn oder Freunde bespitzelt und anderen geschadet haben. Menschen sind ins Gefängnis gekommen und wurden gefoltert, Kinder wurden aus ihren Familien gerissen. Sich mit einer so tief greifenden Schuld der eigenen Eltern auseinanderzusetzen, löst in einem Betroffenen viele Fragen aus: Was habe ich davon geerbt? Was habe ich selbst davon in mir? Könnte ich mich auch so schuldig machen? Scham verschließt die Münder und macht eine Aussprache schwierig.

Hilft ein offener Umgang mit der eigenen Biografie, Probleme zu bewältigen?

Die Psychotherapieforschung zeigt: Bei Traumatisierung ist die Konfrontation mit dem Geschehenen das A und O für die Aufarbeitung. Das ergeben alle relevanten Studien.

Sind die Schicksale der Stasikinder vergleichbar mit denen von Opfern des Stasiregimes?

Politische Häftlinge in der DDR haben sehr unter­schiedliche Phasen erlebt. In den ersten Jahren der sowjetisch besetzten Zone und der frühen DDR waren die Haftbedingungen katastrophal. Sofern man das überhaupt sagen kann, ist in den späteren Jahren eine gewisse Libera­lisierung eingetreten. Ich glaube, dass man die Schicksale der Stasikinder am besten vergleichen kann mit denen von Zersetzungsopfern – also Menschen, auf die ohne ihr Wissen Stasispitzel angesetzt wurden. Sie wurden abgehört, ihre Post wurde zensiert, ihre Arbeitskollegen manipuliert und so weiter. Oft hatten Stasikinder nicht mit manifester Gewalt zu kämpfen, sondern mit einer eigenartigen, kaum greifbaren Atmosphäre, die das Realitätsempfinden der Betroffenen durcheinanderbrachte.

Mit den psychischen Folgen der Opfer des ­Stasiapparats haben Sie sich auch im Rahmen der Greifswalder Gesundheitsstudie SHIP beschäftigt. Gibt es ähnliche Forschung auch zu den Kindern von Stasimitarbeitern?

Nicht in substanziellem Umfang. Es gibt durchaus Einzelfallberichte, Essays, aber bislang exis­tieren keine quantitativen Studien dazu. Das Hauptproblem der epidemiologischen Forschung ist, dass politisch Andersdenkende oft schon vor der Wende aus der DDR flohen oder nach der Wende in den Westen gingen. Für viele kam eine räumliche Distanzierung zu der Welt, in der sie aufgewachsen sind, einer psychischen gleich. Wenn wir heute Untersuchungen durchführen, finden wir nur noch höchstens die Hälfte der Betroffenen. Das heißt, wir bekommen kaum verallgemeinerbare Erkenntnisse.

Auch ohne repräsentative Stichproben ist Forschung möglich. Etwa, indem man gezielt die Entwicklungen in einer Teilgruppe betrachtet. Warum ist das bis heute nicht passiert?

Die so genannte transgenerationale Forschung war in der Auseinandersetzung mit der Nazizeit sehr intensiv, da existieren heute viele guten Studien. Inzwischen gibt es auch erste Untersuchungen mit Kindern von politischen Häft­lingen in der DDR. Es ist eine Frage der Zeit, bis die erste größere Untersuchung zu Kindern von ­Stasioffizieren folgt.

Gehört zum Prozess der Aufarbeitung, den eigenen Eltern zu vergeben? Ist das ein sinnvolles Therapieziel?

In Südafrika gab es nach Ende der Apartheid die so genannte Wahrheitskommission, bei der man Täter und Opfer zusammengesetzt hat. Dieses Vorgehen war nur dann erfolgreich, wenn die ­Täter wirklich zu dem standen, was sie getan hatten. Die meisten erzählen ihren Kindern eine geschönte Version. Verzeihen oder vergeben kann man aber nur, wenn der andere seine Taten auch einräumt. Sonst bleibt immer ein Beigeschmack der Lüge und des Verrats.

Viele Eltern könnten also einen wichtigen Anteil leisten …

… tun es aber nicht. Zu DDR-Zeiten waren sie die politische Elite, dann kam die Wende, und plötzlich fanden sie sich am Rand der Gesellschaft wieder. Das ist ein Umbruch, wie man ihn schon in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik ver­folgen konnte. Da gab es nur ganz wenige, die ­offen zu ihrer Vergangenheit standen. Warum sollte das die Tätergeneration im Osten anders machen?

Kommen auch Täter zu Ihnen in Therapie?

Kaum. Wir haben hier an der Klinik jedes Jahr etwa 4000 Patienten. "Opfer sein" ist da ein wich­tiges Thema: viele ehemalige politische Häftlinge, Zersetzungsopfer, Menschen aus Kin­der­heimen oder Jugendwerkhöfen. Die Täter konn­te ich in den letzten 17 Jahren allerdings an einer Hand abzählen.

Wäre eine Aufarbeitung nach Vorbild der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission eine Option?

Der ehemalige Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in Mecklenburg-Vorpommern, Jörn Mothes, und die jetzige Landesbeauftragte Anne Drescher haben das ­einige Male versucht. Und es ist nie etwas daraus geworden. Die Täter, die bekennen – und zwar vollständig –, sind immer eine kleine Minderheit. Die anderen neigen dazu, sich selbst in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Das gehört zur menschlichen Psyche wohl dazu.

Das Interview führte der Psychologe und GuG-Mitarbeiter Theodor Schaarschmidt.

 

Alexander Schieberle ist in einer Welt aufgewachsen, in der nicht viel geredet wurde. Nun ist er in seine eigene geflüchtet: Der Sohn des Stasioffiziers

von Anja Reich geschrieben und am 18.07.09 in der „Berliner Zeitung“ veröffentlicht

An einem Februartag vor zwei Jahren, in einem Krankenzimmer der Charité in Berlin-Mitte, begreift Alexander Schieberle plötzlich, wer er ist, oder besser, wer er nicht ist. Er liegt in einem Krankenhausbett, sein Körper, den er noch nicht richtig fühlt, weil die Narkose erst allmählich ihre Wirkung verliert, ist in frische Bettwäsche gehüllt. Lange hat er sich nicht mehr so ruhig gefühlt, so sicher, so aufgehoben. Sein Leben war schon lange aus den Fugen. Er trank, er kiffte, er hing mit den falschen Leuten rum. Gestern hat ihn jemand auf dem Boxhagener Platz zusammengeschlagen, er weiß nicht mehr, wer, er weiß nur noch, dass heute Morgen seine linke Gesichtshälfte blutete und zugeschwollen war und ihn eine Kommilitonin in die Notaufnahme brachte. Nun liegt er hier im Krankenhaus. Das ist schlecht, aber gut ist, dass seine Welt nun wieder eine Ordnung zu bekommen scheint. Wenn er die Augen schließt, sieht er eine junge Frau. Sie erinnert ihn an die Schauspielerin Sophie Marceau, deren Poster in seinem Kinderzimmer in Frankfurt (Oder) hing. Sie ist sehr schön, und sie spricht französisch, das kann er genau hören, denn sie redet mit einem kleinen Jungen, der Junge ist etwa fünf Jahre alt, hat dunkelblonde Haare und dunkle Augen. Der Junge ist er. Alexander Schieberle entspannt sich in seinem frischen Krankenhausbett und findet immer mehr von dem, was er später als Erinnerungsstücke bezeichnen wird. Sie verbinden sich zu einer Geschichte. Die geht etwa so: Ein Junge aus einer französischen Familie wird von Agenten der Staatssicherheit in eine ostdeutsche Stadt entführt. Der Junge heißt Alex, hat zwei Schwestern, wohnt in einem Vierfamilienhaus, kommt in den Kindergarten, wird eingeschult und Jungpionier, im Sommer fährt er ins Ferienlager nach Neubrück, wo er andere Kinder trifft, die auch entführt wurden. Er erkennt sie an ihrem traurigen Blick. Die Familie, die ihn aufnimmt, bemüht sich, nett zu ihm zu sein, aber irgendetwas stimmt nicht, das spürt er. Ihm wird etwas vorenthalten, und alle scheinen zu wissen, was, alle spielen mit, die Lehrer, die Ferienlagerbetreuer, die Tanten, Onkels, sogar seine Schwestern. Es ist genauso wie in seinem Leben. Das kann kein Zufall sein, denkt Alexander Schieberle. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, geht er gleich zum nächsten Polizeirevier, um zu erzählen, was er gerade herausgefunden hat. Er fährt zu seiner Mutter nach Prenzlau, trampt nach Paris, geht zu Botschaften, Opferverbänden, Behörden, Fernsehsendern. Und irgendwann, auf dieser langen Suche nach sich selbst, als er sein Medizinstudium abgebrochen hat und wie ein Obdachloser auf einem Dachboden in Berlin-Friedrichshain campiert, steht er auch hier, im Büro dieser Zeitung, das Gesicht blass, mit Ringen unter den Augen und Schweiß auf der Stirn. Er zieht seine Jacke nicht aus, legt seine Tasche nicht ab und erzählt atemlos seine Geschichte, die ihm endlich alles erklärt, sein ganzes kaputtes Leben. Alexander Schieberle gehört zu der Generation, die in der DDR geboren und in der Bundesrepublik erwachsen wurde. Er ist sieben, als um ihn herum alles auseinanderbricht - erst sein Land, dann seine Familie. Aber was heißt schon Familie. Sein Vater ist oft nicht da. Er arbeitet an der Grenze, manchmal geht er mit Uniform aus dem Haus, manchmal ohne, manchmal wird er von einem Fahrer in einem Dienstwagen abgeholt, manchmal verlässt er zu Fuß das Haus. Mehr wissen Alexander und seine beiden Schwestern nicht, und auch ihre Mutter ahnt wohl nur, was ihr Mann beruflich macht.In seiner Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit hat Alexanders Vater, Detlef Schieberle, unterschrieben, dass er mit niemandem über seine Tätigkeit reden darf. Das ist 1974, acht Jahre, bevor Alexander geboren wird. Detlef Schieberle lernt die 19-jährige Evelyne, eine Erzieherin aus Prenzlau, über eine Kontaktanzeige in der DDR-Jugendzeitschrift "Neues Leben" kennen. Er erzählt ihr, dass er bei der Bereitschaftspolizei in Eisenhüttenstadt arbeitet, aber nicht, dass er für den DDR-Geheimdienst tätig ist. Dort arbeiten auch seine beiden Brüder. Die Staatssicherheit ist die Familie. Schieberles Vertrauter ist sein Führungsoffizier. Er sagt ihm, dass er Evelyne heiraten will. Der Führungsoffizier hat nichts dagegen.

Er schenkt ihm eine Uhr. Schieberle bedankt sich bewegt und verspricht, "auch in Zukunft seine ganze Kraft zur Erfüllung der vom MfS gestellten Aufgaben einzusetzen". Am 13. August 1976, dem 15. Jahrestag des Mauerbaus, heiraten Detlef und Evelyne Schieberle. 1977 kommt die erste Tochter zur Welt, drei Jahre später die zweite. Als Alexander geboren wird, macht sein Vater bereits als hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS Karriere. In zehn Jahren steigt er vom Passkontrolleur zum stellvertretenden Chef der Abteilung auf, die für den Eisenbahn- und Transitverkehr zuständig ist. Das Jahresgehalt des Stasioffiziers beträgt 32 000 Mark, fast dreimal so viel wie das DDR-Durchschnittseinkommen. Man kann das alles in der Stasi-Akte von Detlef Schieberle nachlesen, sein Sohn Alexander kennt sie nicht. Vor ein paar Monaten war er mal bei der Birthler-Behörde, aber er hatte nicht das Geburtsdatum des Vaters im Kopf, da ist er wieder gegangen. So ist es immer. Er geht irgendwohin, erzählt seine Geschichte, die Leute halten ihn für verrückt und schicken ihn wieder weg. Oder er hat irgendwas vergessen oder verloren und will später noch einmal wiederkommen. Dann geht er zum nächsten Amt, zur nächsten Behörde, trampt mal wieder nach Frankreich oder sieht sich sein Kinderalbum an, um festzustellen, dass der kleine Junge auf den Fotos keine Ähnlichkeit mit ihm hat, was für ihn ein Beweis ist. Neulich, als er bei seiner Mutter war, hat er ein paar Haare aus ihrem Kamm genommen und in eine Plastiktüte gesteckt, für einen DNA-Test. Jetzt weiß er nicht mehr, wo die Haarprobe ist.

 

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